Eleasias, 1380 DR. Daggerford, the Sword Coast
Der alte Magier zupfte verärgert an dem Saum seiner alten, ausgewaschenen Robe. Der Besuch bei Duke Maldwyn fiel Delfen nicht leicht. Nicht, dass er generell Angst vor dem in die Jahre gekommenen Herrscher von Daggerford hatte. Aber zum einen war der Anlass etwas schwierig und zum anderen fühlte sich Delfen mit zunehmendem Alter immer weniger wohl ausserhalb der dicken und magisch geschützten Mauern seines Turmes. Wie auch für die meisten Bewohner der Stadt und des Umlands, war der Duke sein Lehnsherr. Zwar bewohnte und bezahlte Delfen den alten Turm an der Stadtmauer von Daggerford selbst, aber rechtlich betrachtet standen zwischen einem ruhigen Leben im warmen Turm und einem sehr unbequemen Leben auf Wanderschaft in den Weiten der kalten Schwertküste im Zweifel nur die Meinung des Dukes. Und dieser war nicht für Weitsicht und Beständigkeit bekannt, sondern unterlag im Gegenteil starken Stimmungsschwankungen. Am ehesten zu vergleichen, so dachte Delfen stets bei sich, mit einem tollwütigen Eber: Stets im Bereich zwischen Jähzorn und betrunkener Raserei, je nach Tageszeit und –form. Es war also wichtig, beim Überbringen der zweifellos schlechten Nachrichten, etwaiges Missfallen seitens des Fürsten sofort von ihm, Delfen, abzuleiten um nicht die Gunst des Herrschers zu verlieren.
Am Ende dieses Gedankenganges angekommen entfuhr Delfen ein resignierter Seufzer: Er, einst ein respektiertes Mitglied der Akademie von Waterdeep, ein junger, aufstrebender Magier, der später dann den Magistertitel tragen und mit seinen Beiträgen über die Forschung der Blackstaves das Geistesleben der grössten Universität Faeruns bereichern sollte, nun als Provinzmagier dem Willen eines primitiven und betrunkenen Landadligen unterworfen. Aber tief in seinem Inneren wusste Delfen, warum alles so gekommen war. Dass es nicht Ränke waren, denen er, wie er sich früher oft eingeredet hatte, zum Opfer gefallen war. Dass man ihn nicht zu früh gestellt hatte, bevor sein Werk vollendet und der Pakt, von dem er sich alles erhoffte, geschmiedet war. Er wusste, dass alles so kommen hatte müssen, dass es gerade noch rechtzeitig geschehen war. Dass er ansonsten wie so viele vor ihm in den Wahnsinn hinabgestiegen wäre, der ihn zunächst steil in luftige Höhen getragen und dann in die Tiefen der Neun Höllen gestürzt hätte.
Oft war ihm als könne er Beshabas Brut lachen hören. Höhnisch und frech, ihn zum letzten Schritt ermutigend, dem endgültigen Akt der Selbstzerstörung. „Wie hoch bist Du geflogen, Delfen Arunsuun! Wie gross warst Du! Wie glänzend Deine Zukunft! Ein würdiger Erbe des Grossvaters, bereit, das zu leisten was der Vater nicht konnte. Und nun sieh Dich an! Wie tief war der Fall, wie unermesslich ist die Schuld. Ein Ausgestossener! Ein Konsorte der Neun Höllen. Ein Mörder! Wie umsonst war Dein Leben. Ohne Hoffnung sind die wenigen noch verbleibenden Lebensjahre, an dessen Ende der Preis zu bezahlen ist, um dessen Leistung Du betrogen wurdest!“.
Zwar war das Feuer des Ehrgeizes in Delfen vor vielen Jahren längst verloschen und im Grossen und Ganzen sehnte er sich nach nichts mehr, als in Ruhe seinen Studien nachgehen zu können um sich abzulenken von den trüben Gedanken. Er hatte eine gewisse Reputation in Daggerford und darüber hinaus erworben. Er galt als fähiger Magier und als weiser, wenn auch nicht billiger, Ratgeber für Abenteurer und junge Glücksritter, die aus Waterdeep und Baldur’s Gate hierherkamen um in die Wildnis im Osten zu ziehen, in die Wälder des Laughing Hollow, in den Misty Forest, immer auf der Suche nach dem legendären Illefarn, dem versunkenen Reich der Elfen. Für die Wenigen, die es schafften, mit Schätzen beladen zurückzukommen, stand er dann als Berater in allen magischen Fragen zur Verfügung. So konnte er sich gut über Wasser halten, und lernte im Verlauf der Jahre viel über die Gegend und deren Geheimnisse. Und wer konnte sagen, was es dort noch zu finden gab? Zwar hatte er nicht viel Hoffnung, doch ein glimmender Funke in ihm war noch am Leben, der ihm sagte, dass doch noch einmal alles ganz anders kommen könnte und er dem, was vermeintlich vorbestimmt war, noch entgehen würde.
Eine solche Gelegenheit hatte sich ihm unlängst geboten. Eine Gruppe junger Abenteurer hatte ihn angesprochen, wie es oft vorkam. Sie waren aufgebrochen, um die alten Zwergenminen um Mount Illefarn zu untersuchen. Nachdem Agenten der Arcane Brotherhood ihn bereits besucht hatten um ihn zunächst zum gleichen Thema um Hilfe zu bitten, dann, als er diese verwehrte, zu bedrohen und schliesslich wieder abzogen waren, hatte er sich eingearbeitet in die Hintergründe des alten Kultes, der in dieser Gegend vor einigen Jahrhunderten existiert hatte und dessen Spuren nun überall zutage traten. Er hatte herausgefunden, dass die Schlüssel zu Illefarn und all seinen Schätzen tatsächlich damit zu tun hatten und in jedem Fall, die alte Magie sehr mächtig und mit hoher Wahrscheinlichkeit für ihn sehr nützlich sein könnte. Die Abenteurer hatten auf ihn einen sehr ernsthaften Eindruck gemacht und die Tatsache, dass Istevan, ein Paladin von Tyr, der vor zwei Jahren auf etwas myteriöse Weise nach Daggerford kam und den Delfen seitdem als Freund gewonnen hatte, dieser Gruppe beiseite stand, hatte in ihm gewissen Hoffnungen geweckt. Doch das war nun ja leider vorbei.
Ein lautes Klopfen riss Delfen jäh aus seiner Kontemplation. Harris, der alte Diener des Dukes stand, oder vielmehr, lehnte, im Türrahmen. „Der Herr ist nun bereit, Dich zu empfangen, Magier“, richtete er herablassend aus. Delfen folgte dem Diener in die grosse Halle, an dessen Ende der Duke vor dem mit dünnen Tierhäuten bedeckten Fenster stand und auf das verschneite Land hinaus blickte. Trotz seiner über fünfzig Jahre war der Duke noch immer von bemerkenswerter Gestalt: Gross und einst breitschultrig, mit einem schwammigen, voluminösen Bauch., Zwei trübe Augen blickten aus einem mit roten Adern durchzogenem Gesicht, dass über einem gelb-grauen Bart sass. Einige wenige graue Haare hatte der Duke aus seiner Jugend behalten, aber offensichtlich schienen sie ihm nicht der Mühe des Pflegens wert, so dass sie sich als fettige Strähnen auf Höhe des Doppelkinns mit dem Bartgestrüpp vereinten. Das zumeist schmerzverzerrte Gesicht war der Gicht geschuldet, unter der der Herrscher seit einigen Jahren litt. Seine dazu selbstentwickelte Therapie sah vor, täglich ausreichend Wein und Schnaps zu trinken, so dass die Schmerzen genügend betäubt würden. Obwohl die Therapie insgesamt wirkte – gegen Mittag war der Duke regelmässig schmerzfrei – schien sie sehr anzustrengen und den Gesundheitszustand von Maldwyn insgesamt nicht zu verbessern.
Der Duke hatte eine kristallene Karaffe neben sich stehen, aus der er sich gerade, als Vorbereitung auf das bevorstehende Mittagsmahl, nachschenkte. „Ah, Delfen“, begrüsste er den Magier zerstreut, den Blick vom Glas nicht aufrichtend und sich voll und ganz auf den Vorgang des Einschenkens konzentrierend. Als das zu seiner Zufriedenheit erfolgt war, wandte sich der Duke seinem Besucher zu „Ruby Fire. Aus Calimshan.“ sagte er, mit Zufriedenheit in der Stimme. „Das Beste, was ich seit langem hier hatte. Diese Flaming Fist Söldner verstehen es, einen zu bestechen!“. Er nickte dem alten Magier zu und setzte sich. Harris stellte sich in die Ecke und als es Delfen klar wurde, dass er weder ein Glas von dem Weinbrand, noch einen Platz angeboten bekommen würde, kam er direkt zur Sache. „Sire, es betrübt mich, Euch zwei schlechte Nachrichten zukommen lassen zu müssen“, begann er.
„Erstens: Sir Isteval ist tot“. Delfen hielt an dieser Stelle inne und wartete auf die Reaktion.
„Der alte Paladin? Ich habe ihm doch eben erst die Wache gegeben!“. Der Duke nahm einen tiefen Schluck von seinem Becher. „Woran ist der gestorben?“.
„Mord, Sire. Gestern Nacht. Der oder die Mörder sind bislang unerkannt, es hat mit Magie zu tun. Wir fanden ihn heute Morgen.“
„Und damit kommen die natürlich zu Dir und nicht zu mir, Ihrem Herrscher und Vorgesetzen?“. Delfen konnte den brodelnden Zorn in der Stimme hören.
„Nein, Sire“ beeilte er sich, „Ich bin der Bote, der es Euch berichten soll. Ich war zufällig in der Garnison, um dort Isteval zu besuchen“.
Das schien den Duke zu besänftigen und Delfen wartete, ob die Nachricht vom Tod seines Freundes eine weitere Reaktion bewirken würde. Als dies nicht der Fall zu sein schien, fuhr er fort.
„Des Weiteren melden unsere Späher, dass sich einige Warbands von Orks aus dem Laughing Hollow in der Gegend befinden. Wir vermuten, dass sie einen Angriff planen.“.
„Wir?“, entgegnete Duke Maldwyn hämisch, „Du meinst wohl,‘Du‘, alter Magier. Und was soll ich jetzt machen? Soldaten schicken? Wir haben kaum Leute um die Stadt zu bewachen.“.
Delfen wusste, dass der Duke Recht hatte. Isteval hatte Maldwyn oft bekniet, Gold für neue Truppen, Pferde und Ausrüstung bereitzustellen. Seit sie wussten, dass die Arcane Brotherhood ihre Agenten in die Gegend geschickt hatten, waren sie misstrauisch und wollten vorsorgen. Doch der Duke hatte stets mit dem Hinweis auf die aus seiner Sicht gegebene Unüberwindbarkeit der Erdwälle und Palisaden der Stadt abgewinkt.
„Wir könnten mit der Flaming Fist sprechen“ schlug Delfen vor. „Eventuell liesse sich etwas arrangieren. Und wie gesagt, der Mord am Kommandanten der Wache geschah mit Hilfe von Magie, es kann also sein, dass die Mörder in der Stadt sind, und wir wissen nicht, was ihre Motive waren. Womöglich haben sie mit den Orks zu tun?“.
Duke Maldwyn winkte ab. „Ein paar stinkende Orks, die wahrscheinlich halb verhungert in der Gegend herumstreunern. Sölnder aus Baldur’s Gate können wir uns nicht leisten. Wir werden die Bereitschaft erhöhen und die Tore bis auf die Mittagszeit schliessen. Befragt alle Zeugen zu der Sache mit Isteval. Der Alte hatte es faustdick hinter den Ohren“ sinnierte der Duke. „Er hat mir oft gesagt, dass ihm einige Leute nach dem Leben trachten und dass es nichts mit mir zu tun hat. Hat wohl bekommen, was er verdient hat. Schade nur, jetzt müssen wir einen neuen Kommandanten finden“.
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher, verschluckte sich und wischte sich hustend den Wein aus dem Bart. „Was ist aus all dem Gold geworden, dass Isteval diesen Zwergen gegeben hat, die hier vorbeigekommen sind um ihren alten Hügel zu suchen?“.
„Korin Ironaxe und sein Clan, ja“, bestätigte Delfen. „leider haben wir nichts mehr von ihnen gehört. Mir wurden aber Umstände berichtet, die es unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass wir von dieser Seite Hilfe bekommen“.
„So?“ sagte Maldwyn, „also alles Gold rausgeschmissen? Scheint mir ja keine kluge Entscheidung gewesen zu sein. Nachdem Du und Isteval so lange auf mich eingeredet haben. Hätte ich mein Gold wohl besser behalten, was?“. Er schenkte sich nach. „Leider ja, Sire. Wir vermuten, dass der Ironaxe Clan nun auf die Seite der Feinde gewechselt ist.“.
Delfen hatte beschlossen, dem Duke an dieser Stelle die Entwicklungen um den jungen Zwergen Erek Ironeater nicht weiter auseinanderzusetzen. Es war dieser junge Zwerg, der eigentliche Erbe des Ironeater clans und damit Besitzer der Hallen unter Mount Illefarn war, dem Isteval und Delfen helfen wollten. Allerdings landete das Gold in den Händen seines psychotischen Onkels, der seinen Neffen Erek, darauf wiesen alle Berichte nun hin, letzte Woche unter einem Vorwand hatte hinrichten lassen und sich auf die Seite der Arcane Brotherhood geschlagen hatte. Doch von alledem erzählte er Maldwyn nichts, er wusste, dass dieser sich dann hintergangen fühlen würde. Und sollte er es jemals doch hören, würde Delfen seinen Zorn zu spüren bekommen.
„Ihr vermutet dauernd irgendwas, Delfen. Und meistens kostet es mich Gold und bringt mir nichts als Ärger“. Delfen spürte den aufflackernden Zorn in der Stimme des Dukes.
„Sehr wohl, Sire. Ihr habt leider recht. Ich werde mich in Zukunft etwas zurückhalten. Und selbstverständlich bin ich bereit, für Schaden, den ich verursacht haben sollte, aufzukommen. Wenngleich ich darauf hinweisen will, dass ich stets nur das Wohl und die Sicherheit der Stadt im Blick hatte.“ Er senkte den Kopf.
„Nun“, entgegnete der Duke und nahm eine Schriftrolle von seinem Karaffenkabinett, „es scheint als hätte ich eben eintausend Goldmünzen gespart“, sagte er nachdenklich. „Isteval wollte sie als Belohnung für diese verdammte kleine Hexe, die er gefangen hat. Lebt sie eigentlich noch? Ich wollte ihre Hinrichtung selbst sehen.“
„Leider kam nur der Kopf zurück“ entgegnete Harris.
„Den vernähen wir und verbrennen ihn“, grunzte der Duke. „Verdammte Hure!“ fügte er hinzu und warf die Schriftrolle in den brennenden Kamin. „Isteval ist tot, und damit die Belohnung hinfällig“, proklamierte Duke Maldwyn. Mit einer Handbewegung signalisierte er, dass die Unterredung nunmehr beendet und die Sache geregelt war. Delfen verbeugte sich und verliess mit einem abschliessenden „Sire“ die Halle.
Draussen angekommen atmete er tief durch. Die mit Russ und Tiergestank erfüllte Luft des kalten Wintermorgens war ihm bedeutend lieber als der Dunst der Burg und die Gegenwart des „alten Ebers“, wie der den Duke insgeheim bezeichnete. Nachdenklich ging er zurück in Richtung seines Turmes. Er wusste, dass die Agenten der Bruderschaft nicht nur hier in Daggerford aktiv waren. Ein Abenteurer, der mit der Karawane aus Baldur’s Gate gekommen war, hatte ihm von Vorkommnissen im Süden erzählt. Er hatte ihm ausserdem erzählt, dass es Gerüchte gab, dass die Flaming Fist mercenaries, welche die kleine Karawane bewachten, deshalb so zahlreich waren, weil einer der vier Ratsherren von Baldur’s Gate dort inkognito aus Waterdeep in seine Stadt reiste. Ausserdem hatte er gelernt, dass der alte Sitz der Bruderschaft, der Hosttower of the Arcane in Luskan wieder aufgeschlossen worden war und sie nun Tag für Tag im Verborgenen an Macht gewannen. Mit all dem Chaos draussen in der Welt, den Auserwählten der Götter und solche, die sich dafür hielten, würden die Bedingungen für die Bruderschaft besser und besser. Und er war sich sicher, das was auch immer sie unter Mount Illefarn gesucht hatten, sich nun in ihrem Besitz befand. Für Daggerford könnte es den Untergang bedeuten. Für den Rest von Faerun würde es eine böse Überraschung werden.
In seinem Turm angekommen begrüsste ihn Hektor, sein stiller Freund, ein grosser, roter und sehr haariger Menschenaffe mit einem fragenden Blick. „Sie sind gescheitert Hektor“, sagte Delfen. „Wir müssen uns auf das Schlimmste gefasst machen. Am besten ist es wohl, Du fängst langsam an, unsere Sachen zu packen.“
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